Historisches Wissen von Jugendlichen

 Später Sieg der Diktaturen? Zeitgeschichtliche Kenntnisse und Urteile von Jugendlichen
„Später Sieg der Diktaturen? Zeitgeschichtliche Kenntnisse und Urteile von Jugendlichen“ von Schroeder, Klaus/Deutz-Schroeder, Monika/Quasten, Rita/Schulze Heuling, Dagmar

So erschreckend einige Ergebnisse der Studie „Später Sieg der Diktaturen? Zeitgeschichtliche Kenntnisse und Urteile von Jugendlichen“ des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin auch sein mögen, sie sollten bei Bildungsträgern vor allem einen Denkzettel hinterlassen. Über das fehlende historische Wissen bei Schülern wird aktuell unter anderem in der Zeit berichtet und ich fürchte bereits die Kommentare, die den Jugendlichen und jungen Erwachsenen unterstellen, desinteressiert und politikverdrossen zu sein.

Auf zweierlei möchte ich im Zusammenhang mit den Studienergebnissen hinweisen:

1. Auf die Bedeutung von Gedenkstättenbesuchen. Hier zeigt die Studie insbesondere wie entscheidend eine Kontextualisierung des jeweiligen Besuchs im Unterricht ist, was leider zu oft vernachlässigt wird. Eine Vorbereitung auf einen Gedenkstättenbesuch ist eine Notwendigkeit, die den Zwängen der Lehrpläne übergeordnet werden muss.

2. Auf die hohe Bedeutung des Mediums Internet zur Aneignung historischen Wissens. Auf die Frage „Woher beziehen Sie Ihr Geschichtswissen überwiegend?“ antworteten 82,2 % der Befragten wenig verblüffender Weise mit „aus dem Schulunterricht“. Etwas abgeschlagen auf dem zweiten Platz folgt mit 36,3 % „aus Gesprächen mit Eltern / Verwandten“. Den dritten Platz belegt mit 34,9 %  „aus dem Internet“. Erst auf den darauffolgenden Plätzen kommen „aus dem Kino / TV“, „aus Büchern“ usw.

Erstaunlich wiederum finde ich, dass aus diesen Ergebnissen nicht der Schluss gezogen wird, dass Angebote zur Aneignung historischen Wissens im Internet unbedingt verstärkt gehören.

Natürlich ist es ein positives Zeichen, dass

der Vermittlung zeitgeschichtlicher Kenntnisse und Zusammenhänge
in der Schule […] bezogen auf die jüngste Vergangenheit eine Ergänzungs- und auch Korrektivfunktion gegenüber Familienerzählungen zu[kommt]

Und selbstverständlich ist der Schulunterricht das wichtigste „Instrument“ der Vermittlung historischen Wissens – auch als Korrektiv zu idealisierenden Familiennarrativen.

Dennoch finde ich die Ignoranz gegenüber dem Internet, das das Potenzial in sich birgt Schüler (um in die Floskelkiste zu greifen) dort abzuholen, wo sie sich aktuell befinden, sehr bedauerlich.

Heidelberger Universität richtet die erste Professur für „Angewandte Geschichtswissenschaft“ ein

An der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg wird zum Wintersemester 2012 die erste deutsche Professur für „Angewandte Geschichtswissenschaft – Public History“ eingerichtet.(c) Universität Heidelberg - Kommunikation und Marketing
An der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg wird zum Wintersemester 2012 die erste deutsche Professur für „Angewandte Geschichtswissenschaft – Public History“ eingerichtet. Bild (c) Universität Heidelberg – Kommunikation und Marketing

Irgendwann im Laufe meines Studiums der Geschichtswissenschaft stellte ich in Gesprächen mit Freunden und Bekannten fest, wie wenig dessen, was in der historischen Forschung diskutiert wird, eigentlich in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

Das ist auf der einen Seite verständlich, denn die Ausdifferenzierung der Forschung führt zu kleinteiligen Untersuchungen, deren Publikum mit einer „handvoll Wissenschaftler“ vermutlich schon zu hoch veranschlagt ist. Auf der anderen Seite wundert man sich als Historiker doch über die fehlende Präsenz von Geschichte und Geschichtswissenschaft im medialen Mainstream – abseits von Guido Knopp.

Dass dieser Umstand bedauerlich ist, leuchtet jedem Historiker ein, der sich nicht im Elfenbeinturm eingeschlossen und die Tür verriegelt hat.

Doch bisher gab es kaum Initiativen um diesen Umstand zu beheben – was sicher mit der latenten Medienfeindlichkeit (wer einmal in einer Talkshow saß, hat seinen guten Ruf verdorben) der scientific Community zu tun hatte.

Daher ist es umso erfreulicher, dass Ansätze, die – mal wieder – aus der anglophonen Geschichtswissenschaft nach Deutschland kommen, langsam Gehör finden. Hier handelt es sich um die „Public History“ bzw. „Angewandte Geschichtswissenschaft“. Dass diese Ansätze durchaus Gefahren bergen (Kommerzialisierung der Geschichtswissenschaft und eine allgemeine argumentative Verkürzung) soll nicht davon ablenken, dass mithilfe einer Geschichtswissenschaft, die sich ganz bewusst an die Öffentlichkeit wendet, wenigstens die Grundlage eines Dialoges zwischen Wissenschaft und Gesellschaft geschaffen ist.

In der FAZ gab es nun, anlässlich der ersten deutschen Professur für „Angewandte Geschichtswissenschaft – Public History“, vor ein paar Tagen einen Artikel zum Thema und auch auf Docupedia werden die neuen Ansätze diskutiert.