Hamburg und das deutsche Kolonialreich

von Kim Sebastian Todzi

Hamburg gilt als das „Tor zur Welt“. Häufig wird dabei vergessen oder ignoriert, dass diese Welt bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts eine überwiegend koloniale Welt war und viele Hamburger und Hamburgerinnen auch lange vor der Annexion von Kolonien durch das Deutsche Reich ab 1884 von dieser kolonialen Ordnung profitierten.

Als Kolonialismus definiert Jürgen Osterhammel:

„Kolonialismus ist eine Herrschaftsbeziehung zwischen Kollektiven, bei welcher die fundamentalen Entscheidungen über die Lebensführung der Kolonisierten durch eine kulturell andersartige und kaum anpassungswillige Minderheit von Kolonialherren unter vorrangiger Berücksichtigung externer Interessen getroffen und tatsächlich durchgesetzt werden. Damit verbinden sich in der Neuzeit in der Regel sendungsideologische Rechtfertigungsdoktrinen, die auf der Überzeugung der Kolonialherren von ihrer eigenen kulturellen Höherwertigkeit beruhen.“[1]

Bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde Hamburg zum größten Zuckerraffinationszentrum Europas. Der Rohzucker wurde vor allem in der Karibik auf Plantagen von versklavten Menschen angebaut und dann über London, Liverpool, Bordeaux, Cádiz und Amsterdam nach Hamburg verschifft, wo er für die europäischen Märkte weiterverarbeitet wurde. Hamburger Kaufleute und Gewerbetreibende waren so direkte Nutznießer*innen des sogenannten „Dreieckshandels“, in welchem versklavte Menschen als „Waren“ aus Afrika in die Karibik, von dort produzierte Rohstoffe wie Rohzucker nach Europa und von Europa wiederum Manufakturwaren, Stoffe, Waffen und Alkohol nach Afrika gehandelt wurden. Ende des 18. Jahrhunderts waren in Hamburg die wichtigsten Gewerbe neben dem Handel die Zuckersiederei und die Baumwollveredelung. Produkte und Gewerbe also, die ganz elementar mit dem europäischen Kolonialismus, mit Plantagenwirtschaft und dem Versklavungshandel verbunden waren.Im Lauf des 19. Jahrhunderts konnten Hamburger Kaufleute durch die Ausbreitung des Freihandels, also der Beseitigung von Handelsmonopolen und anderen Handelshemmnissen, unter der Hegemonie des britischen Empires ihre Handelsaktivitäten weltweit ausdehnen. Hatten die Hamburger Handelshäuser bisher nur selten direkten Handel mit Gebieten außerhalb Europas getrieben, sondern Waren nur über den Umweg über die Handelszentren der europäischen Kolonialmächte wie London, Liverpool, Bordeaux, Cádiz und Amsterdam bezogen, veränderte sich dies durch die erste Dekolonisationswelle südamerikanischer Staaten zwischen 1809 und 1825 und den allmählichen Übergang vom Merkantilismus zum Freihandel. Das veranlasste Martin Haller, den Präses der Hamburger „Commerzdeputation“ (der späteren Handelskammer) 1822 zu dem paradoxen Ausspruch: „Hamburg hat Colonien erhalten.“[2] Nach Hallers Ausspruch dauerte es aber noch über sechzig Jahre, bis unter dem Reichskanzler Otto von Bismarck das Deutsche Reich die formelle Kolonialherrschaft über Gebiete in Afrika und der Südsee proklamierte.

Hamburgs Wirtschaft expandierte im 19. Jahrhundert stetig und die Hafenstadt wurde zu einem der größten europäischen Handelszentren. Etwas zeitversetzt zum wirtschaftlichen Aufstieg nahm ab den späten 1870er Jahren auch die Diskussion über die Errichtung eines deutschen Kolonialreiches zu. Ende des 19. Jahrhunderts verschärften sich die imperialen Rivalitäten europäischer Kolonialmächte vor allem in Afrika. Beschränkte sich die europäische Kontrolle um 1850 auf wenige Küstengebiete und Südafrika, änderte sich dies in den folgenden Jahrzehnten grundlegend. Beim „Wettlauf um Afrika“ gerieten bis 1914 alle Gebiete Afrikas – außer Liberia und Äthiopien – unter europäische Kontrolle.

Kolonialreichsgründung

In dem noch jungen Deutschen Kaiserreich drängte eine einflussreiche Kolonialbewegung darauf, ebenfalls überseeische Kolonien zu erwerben und dem Reich einen sprichwörtlichen „Platz an der Sonne“ zu sichern. Kolonialpropagandisten wie Friedrich Fabri oder Wilhelm Hübbe-Schleiden argumentierten, dass Kolonien dem Deutschen Reich erstens als Absatzgebiete und zweitens als Rohstoffquellen dienen würden und drittens die Auswanderung aus Deutschland statt nach Amerika in deutsche Kolonien gelenkt werden könnte. (Siehe Quelle Fabri) Viele Hamburger und Hamburgerinnen sahen koloniale Erwerbungen zunächst jedoch eher skeptisch. Nur wenige waren vom Erfolg einer aktiven Kolonialpolitik überzeugt, denn die meisten Kaufleute befürchteten hohe Kosten und Auseinandersetzungen mit den anderen europäischen Kolonialmächten. Noch 1899 beklagte sich die nationalliberale Zeitschrift „Der Grenzbote“, dass „nirgends der koloniale Gedanke kühler aufgenommen worden ist, als in Hamburg und Bremen“[3]. Dennoch gelang es einer kleinen Gruppe Hamburger Kaufleute um den „königlichen Kaufmann“ Adolph Woermann ihre wirtschaftlichen Individualinteressen mit den Interessen des kolonial expandierenden Nationalstaates zu verbinden und somit die Grundzüge des deutschen Kolonialismus mitzubestimmen.

Kriegerstatue neben der Eingangspforte des "Afrikahaus" (c) Kim Todzi
Kriegerstatue neben der Eingangspforte des „Afrikahaus“ (c) Kim Todzi

Hamburger Handelshäuser wie C. Woermann, G. L. Gaiser oder Jantzen & Thormählen importierten aus Westafrika Palmöl und Kautschuk und exportierten Alkohol, Baumwollstoffe, Waffen und Manufakturwaren. Adolph Woermann übernahm 1880 von seinem Vater das Familienunternehmen C. Woermann, das seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Westafrika Handel trieb und bereits seit 1868 erste Handelsstationen an der Mündung des Wouri-Flusses im heutigen Kamerun gründete. C. Woermann wurde bald zum wichtigsten deutschen Unternehmen in Westafrika, und Adolph Woermann erkannte, dass die neue Kolonialbewegung auch seinem Geschäft neue Möglichkeiten versprach. In einem Vortrag vor der Geographischen Gesellschaft in Hamburg sprach Woermann 1879 das erste Mal von den „ungehobenen Schätzen“ des inneren Afrikas: „Es liegt auf der Hand, dass in Afrika zwei grosse ungehobene Schätze sind: Die Fruchtbarkeit des Bodens und die Arbeitskraft vieler Millionen Neger. Wer diese Schätze zu heben versteht, und es kommt nur auf die richtigen Leute dabei an, der wird nicht nur Geld verdienen, sondern auch gleichzeitig eine grosse Kultur-Mission erfüllen.“[4]

Das subsaharische Afrika wurde zum Möglichkeitsraum und zum Ziel einer ökonomischen, wissenschaftlichen und „zivilisatorischen“ Durchdringung des Kontinents – auch gegen den Willen der jeweiligen einheimischen Bevölkerungen.

Auf der Basis eines von Woermann entworfenen Konzeptes forderte die Hamburger Handelskammer im Juli 1883 in einer Denkschrift die Regierung des Deutschen Reiches auf, Kolonien in (West-)Afrika zu erwerben. Diese Denkschrift gab Bismarck, der Kolonien zunächst selbst eher ablehnend gegenüberstand, eine gute Argumentationshilfe für die folgende Kolonialreichsgründung. Bismarck sah den Erwerb von Kolonien zunächst vor allem als mögliche Konfliktursachen mit anderen europäischen Kolonialmächten und fürchtete die hohen staatlichen Kosten der Kolonialverwaltung. Daher sollten die neuen Kolonien auch als „Schutzgebiete“ gemäß dem Motto „die Flagge folgt dem Handel“ behandelt werden, deutsche Handelsinteressen durch die Bildung von „Chartered Companies“, also staatlich garantierten Privatunternehmen, abgesichert werden.

Ab 1884 erwarb das Deutsche Reich dann sogenannte „Schutzgebiete“ in Afrika, Asien und im Südpazifik: dazu zählten u.a. Togo, Kamerun, „Deutsch-Südwestafrika“ (Namibia), „Deutsch-Ostafrika“ (Tansania, Ruanda und Burundi), Kiautschou in China und einige Inseln im Pazifik, die „Deutschen Schutzgebiete in der Südsee“.

Tor zur Welt – Kolonialmetropole des Deutschen Kaiserreichs

 

Speicherstadt, Library of Congress, ppmsca 00426 http://www.loc.gov/pictures/item/2002713702
Speicherstadt 1895, Library of Congress, ppmsca 00426 (http://www.loc.gov/pictures/item/2002713702)

 

Hamburg stieg in den folgenden Jahren zur Kolonialmetropole des Kaiserreichs auf. Der Hafen verband die Kolonien mit dem Deutschen Reich. Zahlreiche Reedereien – wie die Woermann-Linie oder Deutsch-Ost-Afrika-Linie –, Handels- und Plantagenunternehmen hatten hier ihren Sitz. Kolonialwaren wie Palmöl, Elfenbein, Kaffee, Zimt, Kakao, Bananen und Tee wurden seit 1888 in der neu erbauten Speicherstadt, dem damals größten zusammenhängenden Lagerkomplex der Welt, gelagert und von dort weiter verkauft. Vom Hamburger Hafen liefen die Schiffe aus, auf denen Produkte in die (deutschen) Kolonien exportiert wurden. Das waren neben einem großen Teil hochprozentigen Alkohols vor allem Kleidung und Stoffe aus Baumwolle, Waffen und Munition sowie Salz.

Der Hamburger Hafen wurde aber auch zur Drehscheibe menschlicher Mobilität im Kaiserreich. Hamburg war häufig die letzte Station von Kolonialbeamten, Missionar*innen, Kaufleuten und Siedlern*innen, die in die Kolonien gingen, bevor sie auf Schiffen der Woermann-Linie und der Deutschen Ost-Afrika Linie ausreisten. Zugleich war Hamburg die erste Station von Menschen aus den Kolonien, die wie Mpundu Akwa für eine Ausbildung oder wie Samson Dido als Teilnehmer einer von Hagenbeck veranstalteten Völkerschau aus Kamerun nach Deutschland reisten.

Den Hamburger Anspruch das Tor zur (kolonialen) Welt darzustellen, unterstrichen die Errichtung eines eigenen Völkerkundemuseums (1879), das 1912 in seinen repräsentativen Bau an der Rothenbaumchaussee einzog und 1908 die Gründung des Kolonialinstituts, aus dem nach dem Ende des Ersten Weltkrieges die Hamburger Universität hervorging. Diese Institutionen waren wie auch die Völkerschauen im Tierpark Hagenbeck eng mit der kolonialen Ideologie und Kultur verbunden , welche die Kolonialherrschaft als „Zivilisierungsmission“ überhöhen und zugleich die Gewaltherrschaft des Kolonialismus verschleiern sollten.

Gewalt, Widerstand und Repression

Kolonialismus war eine besonders gewaltvolle Form der Herrschaft. Gewalt zur Durchsetzung der Kolonialherrschaft war ein konstitutiver Bestandteil des europäischen Kolonialismus. Nach Aimé Césaire, einem der bedeutendsten afrokaribischen Schriftsteller und Begründer der Négritude-Bewegung, war das Verhältnis zwischen Kolonisator und Kolonisierten von einer besonders brutalen und gewaltsamen Beziehung gekennzeichnet: “Ich schaue mich um und überall wo sich Kolonisatoren und Kolonisierte begegnen sehe ich Gewalt, Brutalität, Grausamkeit, Sadismus, Konflikt […]. Kein menschlicher Kontakt, sondern Beziehungen von Herrschaft und Unterwerfung, welche den Kolonisatoren in den Überwacher eines Klassenzimmers verwandeln, einen Feldwebel, einen Gefängniswärter, einen Sklaventreiber.“ [5]

Neben alltäglicher und in allen Kolonien präsenter Gewalt, die sich z.B. in der Entrechtung der kolonisierten Bevölkerung und einem daraus resultierenden dualen Rechtssystem, also einer unterschiedlichen Rechtsprechung für Kolonisierte und Kolonisatoren, Formen der Zwangsarbeit und Anwendung der Prügelstrafe und anderer körperlicher Übergriffe zeigte, führte die Entgrenzung der Gewalt in kriegerischen Auseinandersetzungen bis zum Völkermord.

Die Expansion und Aufrechterhaltung der Kolonialherrschaft war auf militärische Gewalt angewiesen. Bei jedem Vordringen europäischer Kolonisatoren stießen diese auf Widerstand. Bereits im September 1884 begann in Kamerun der Widerstand eines Duala-Clans, der sich weigerte die deutsche Kolonialherrschaft anzuerkennen. Zwei deutsche Kriegsschiffe kamen zur „Befriedung“, und schlugen den Widerstand brutal nieder. In den folgenden Jahren gab es in fast allen Kolonien immer wieder Widerstand, der mit „Strafexpedition“ genannten Kriegszügen brutal bekämpft und niedergeschlagen wurde. Einen Höhepunkt erreichte der Widerstand nach der Jahrhundertwende als mit den Kriegen gegen die Herero und Nama (1904–1907) in Deutsch-Südwestafrika und dem Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika (1905–1907) die langwierigsten und verlustreichsten Kolonialkriege des Deutschen Reiches geführt wurden.

Völkermord

In Deutsch-Südwestafrika leisteten die dort lebenden Herero ab Januar 1904 großflächig Widerstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft. Die Herero waren dabei zunächst überaus erfolgreich, besetzten einen großen Teil Zentralnamibias und plünderten teilweise die Farmen der Siedler*innen, wobei sie jedoch ausdrücklich deutsche Frauen und Kinder schonten.

Die drohende Niederlage versuchte die Kolonialmacht mit der Ernennung Lothar von Trothas zum Kommandeur der „Schutztruppe“ abzuwenden, der bereits bei der Bekämpfung des „Boxeraufstandes“ in China Erfahrungen in der Niederschlagung von Widerstandsbewegungen gesammelt hatte. Das Vorgehen der Deutschen in China entsprach den Vorstellungen ihres Kaisers: Keinen Widerstand dulden, Härte auch gegen Zivilbevölkerung. Lothar von Trotha war überzeugt davon, einen „Rassekrieg“ gegen die Herero zu führen, und wollte den Widerstand mit extremer Brutalität und schließlich der Vernichtung der Herero beenden: „Gewalt mit krassem Terrorismus und selbst mit Grausamkeit auszuüben, war und ist meine Politik. Ich vernichte die aufständischen Stämme in Strömen von Blut und Strömen von Geld. Nur auf dieser Aussaat kann etwas Neues entstehen.“[6]

Fassadenrelief „Lothar von Trotha“ (Lettow-Vorbeck-Kaserne, Wandsbek). Copyright: Jürgen Zimmerer

Im Sommer 1904 versuchten die deutschen Truppen am Waterberg eine Entscheidungsschlacht herbeizuführen. Es gelang bis zu 60.000 Herero, aus der Umzingelung zu entkommen und in die Omaheke-Wüste zu fliehen. Von Trotha ließ dort die Wasserstellen besetzen und erließ am 2. Oktober 1904 den „Schießbefehl“: Jede*r Herero, die oder der sich den Wasserstellen näherte, sollte erschossen oder vertrieben werden. Dieser Befehl bedeutete eine Vernichtungsabsicht und dokumentiert damit den Beginn des Völkermordes, denn ohne Zugang zu Wasser mussten tausende Herero qualvoll verdursten. Anschließend kam es unter anderem zu einer Politik der „verbrannten Erde“ gegen die Nama, die nach der Schlacht am Waterberg unter Hendrik Witbooi ebenfalls Widerstand leisteten und einen Guerillakrieg gegen die deutsche Kolonialmacht führten. Schließlich wurden „Konzentrationslager“ (zeitgenössischer Begriff) errichtet, in denen tausende gefangene Herero und Nama aufgrund von mangelhafter Ernährung, Krankheiten und Vernachlässigung starben.

Hamburg war dabei ein logistischer Knotenpunkt für den militärischen Nachschub während des Völkermordes. Ab 1901 verfügte die Woermann-Linie dank eines Vertrages mit der deutschen Kolonialverwaltung über das faktische Monopol zur Beförderung von Regierungspersonal und –gütern nach Deutsch-Südwestafrika. Während des Krieges unternahm die Woermann-Linie vom „Petersenkai“ im Baakenhafen die Transporte tausender Soldaten, Pferde und Kriegsmaterial in die Kolonie. Die Reederei betrieb ab 1905 ein eigenes Konzentrationslager und lieh sich vom Gouvernement Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter aus. Das Monopol der Reederei veranlasste Matthias Erzberger 1906 im Reichstag zu seiner Kritik, dass Woermann als „Kriegsgewinnler“ das Reich bei den Frachtraten und Liegegebühren der Schiffe übervorteilt habe, die schließlich zur Auflösung der Verträge führte.

Erster Weltkrieg und Verlust der Kolonien

Als 1914 in Europa der Erste Weltkrieg ausbrach bereiteten sich britische und französische Truppen in Afrika darauf vor, die deutschen Kolonien zu erobern. Während Deutsch-Südwestafrika (August 1915), Kamerun (Anfang 1916) und Togo (August 1914) relativ schnell erobert wurden, führte der deutsche General Paul von Lettow-Vorbeck in Ostafrika bis Ende 1918 einen verlustreichen Guerillakrieg gegen die britischen Truppen, bei dem schätzungsweise mehr als 120.000 Menschen starben.

Nachdem Lettow-Vorbeck 1919 nach Deutschland zurückkehrte wurde er zum „Kolonialhelden“ stilisiert. Mit Unterzeichnung des Versailler Vertrages verlor Deutschland seine Kolonien, die der Völkerbund als Mandatsgebiete an die Siegermächte übergab. Dabei dienten Vorwürfe, die Deutschen seien unfähig zu kolonisieren, als Rechtfertigung der Wegnahme der Kolonien. Gegen diese „Kolonialschuldlüge“ richtete sich der Mythos, der sich um Paul von Lettow-Vorbeck rankte und bis weit in die Bundesrepublik reichte.

 

Dieser Mythos besagt, Lettow-Vorbeck hätte als genialer Feldherr mit seinen vermeintlich „treuen Askari“, den „loyalen Eingeborenen“, die Kolonie Deutsch-Ostafrika gegen die alliierte Übermacht verteidigt. Angeblich unbesiegt kehrte er nach Deutschland zurück. Der Historiker Uwe Schulte-Varendorff stellt klar, dass Lettow-Vorbeck keineswegs „ritterlich“ gekämpft habe, sondern eine „brutale, rücksichtslose und menschenverachtende Kriegsführung praktizierte“ und die angeblich treuen Askari ihn „der Herr, der unser Leichentuch schneidert“ nannten.

Im Nationalsozialismus wurde ab 1934 in Hamburg-Jenfeld die „Lettow-Vorbeck-Kaserne“ errichtet und zu Ehren des Generals benannt. An ihrem Eingangstor prangte das „Deutsch-Ostafrika-Kriegerdenkmal“, später „Askari-Reliefs“ genannt, das den Mythos der loyalen Eingeborenen aufgriff und visuell repräsentierte.

Die Kaserne wurde 1999 geschlossen, aber Büsten Lothar von Trothas und Paul von Lettow-Vorbecks prangen bis jetzt unkommentiert an den Gebäuden der ehemaligen Kaserne, die derzeit als Studentenwohnheim der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr dient.

Dieser Beitrag wurde im Digitalen Hamburger Geschichtsbuch erstveröffentlicht.

 

Weiterführende Literatur:
Conrad, Sebastian: Deutsche Kolonialgeschichte, München 20122.
Gründer, Horst: Geschichte der Deutschen Kolonien, Paderborn 20126.
Möhle, Heiko (Hg.): Branntwein, Bibeln und Bananen. Der deutsche Kolonialismus in Afrika: eine Spurensuche, Hamburg 20112.
Washausen, Helmut: Hamburg und die Kolonialpolitik des Deutschen Reiches. 1880 bis 1890, Hamburg 1968.
Zimmerer, Jürgen: Kein Platz an der Sonne. Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte, Frankfurt am Main 2013.
Zimmerer, Jürgen; Zeller, Joachim: Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg 1904-1908 in Namibia und seine Folgen, Berlin 20163.Zitate:[1] Osterhammel, Jürgen: Kolonialismus. Geschichte – Formen – Folgen, München 20096, S. 21.[2] Zit. nach: Handelskammer Hamburg (Hg.): Dokumente zur Geschichte der Handelskammer Hamburg, Hamburg 1965, S. 83.[3] o.A.: Hansestädte und Kolonialpolitik, in: Die Grenzboten 58 (1899) Erstes Vierteljahr, S. 345-350, hier S. 345.[4] Woermann, Adolph: Kulturbestrebungen in West-Afrika. Vortrag, gehalten in der Geographischen Gesellschaft zu Hamburg am 1. Mai 1879, in: Mittheilungen der Geographischen Gesellschaft in Hamburg 1878-79, Hamburg 1880, S. 58-71, hier S. 69.[5] Übersetzung: Kim Todzi. Original: „I look around and wherever there are colonizers and colonized face to face, I see force, brutality, cruelty, sadism, conflict […] No human contact, but relations of domination and submission which turn the colonizing man into a class-room monitor, an army sergeant, a prison guard, a slave driver.“ Césaire, Aimé: Discourse on Colonialism, New York 2000, S. 42

[6] Zitiert nach Horst Drechsler: Südwestafrika unter deutscher Kolonialherrschaft. Der Kampf der Herero und Nama gegen den deutschen Imperialismus (1884–1915), Berlin 19842, S. 156.

Video: „There Is No Time“ Live Interview mit Kim Sebastian Todzi, Israel Kaunatjike, Tom Glaeser und Josephine Akinyosoye

Während sich die G20 in den Hamburger Messehallen trafen, wurde ich u.a. zusammen mit Israel Kaunatjike für das Live-Fernsehprojekt There Is No Time interviewt und habe dort über Hamburg und den Kolonialismus gesprochen.

Das Video ist jetzt auch auf YouTube zu sehen:

Video: Hamburg und die Gründung des deutschen Kolonialreiches unter Bismarck

Vortrag von Kim Sebastian Todzi im Rahmen der Ringvorlesung „Hamburg: Deutschlands Tor zur kolonialen Welt. Über den Umgang mit einem schwierigen Erbe“ mit einer Einführung von Prof. Dr. Jürgen Zimmerer.

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Der Vortrag von Kim Todzi „Hamburg und die Gründung des deutschen Kolonialreichs unter Bismarck“ ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz.

Medienkritik: Jana und der Buschpilot

Würde sich das ZDF nicht damit rühmen einen „authentischen, ethnografischen Blick auf den afrikanischen Kontinent“ produziert zu haben, diese Film-Besprechung über die ZDF-Herzkino-Reihe wäre wohl kaum geschrieben worden. Denn zu offensichtlich sind die folkloristischen, rassistischen und exotisierenden Klischees der Reihe, als dass der Verfasser es als notwendig empfunden hätte, im einzelnen darauf einzugehen.

Aber laut ZDF möchte „Jana und der Buschpilot“ „[…] mehr bieten als gutgemachte Unterhaltung, in der gar die überlegenen Weißen die Eingeborenen Schwarzafrikas mit den Errungenschaften westlicher Lebensart und Medizin beglücken. Vielmehr stellt Jana in der für sie fremden Welt ständig ihre Werte, Vorstellungen und Maßstäbe in Frage. […] Wir wollten keine afrikanische TV-Folklore präsentieren, sondern einen möglichst authentischen ethnografischen Blick auf den afrikanischen Kontinent, der es uns auch ermöglicht, aktuelle, relevante Probleme Afrikas zu erzählen. Denn der respektvolle Umgang mit anderen Kulturen und Lebensarten ist gerade in der heutigen Zeit wichtiger denn je.“ [1]

Und doch perpetuiert das ZDF erneut ein Afrika-Bild, das vor allem als Projektionsfläche Weißer Fantasien existiert. Ein Bild, in dem, trotz der angeblichen ethnografischen Authentizität, rückständiges Stammesrecht erst durch die Anwesenheit und die Initiative der Weißen Europäerin überwunden werden kann. Dieses Bild wird zudem noch verstärkt durch ein im besten Fall naiven, völlig unreflektierten Gebrauch von problematischen Begriffen (wie „Busch“ oder „Eingeborene“) selbst im redaktionellen Begleittext der Reihe.[2]

„Krieg der Stämme“

Im ersten Teil der Reihe „Krieg der Stämme“[3] verursacht ein Autounfall einen schweren Konflikt. Der Fahrer Obahir, vom (fiktiven?) „Stamm“ der „Fahskhars“, überfährt einen Hirten des verfeindeten „Stammes“ der „Jahkauv“. Bereits in dieser Szene sieht der deutsche Fernsehzuschauer eine sich bedrohlich formierende Gruppe Schwarzer, mit nackten Oberkörpern, bemalten Gesichtern und „traditionellen“ Beintüchern, mit Knüppeln und Stöcken bewaffnet auf die Kamera zuschreiten.

Die Gruppe verprügelt den Fahrer, die Stimmung ist aggressiv. Als das Flugzeug mit dem Buschpiloten Thomas Marrach und der herbeigerufenen Ärztin eintrifft, ruft die Ärztin Jana Vollendorf: „Oh Gott, der wird gelyncht.“

Bald wird klar, es gibt ein Abkommen zwischen den „Stämmen“: „Auge um Auge. Zahn um Zahn. Nicht originell, aber für solche Stämme wahrscheinlich das Beste“, wie der als skrupelloser Kapitalist dargestellte Investor Seth Millen bemerkt.

Dieser „Stammespakt“ (Vollendorf) sichere seit 30 Jahren den Frieden zwischen den „Stämmen“ und als der Hirte stirbt, fordern die „Jahkauv“ das Leben des Fahrers Obahirs.

Der Plot, angereichert um die Dimension der Kritik an der kapitalistischen Ausbeutung der Bodenschätze, wird angetrieben durch die Konfrontation von „Tradition“ und „Moderne“, europäischer Vernunft und afrikanischer Irrationalität. Dabei stehen die meisten afrikanischen Figuren für die „Tradition“ (oder ergeben sich in diese), Jana Vollendorf dagegen für die westliche „Moderne“. Die Irrationalität der „Tradition“ fasst Vollendorf zusammen: „Logik. Hier, wo Menschen sich gegenseitig umbringen, damit sie sich nicht gegenseitig umbringen.“

Damit reproduziert der Film das klassische kolonial geformte Bild des „Wilden“ und stellt ihm die Konstruktion einer identifikationsstiftenden Weißen, deutschen Frau entgegen, deren Anwesenheit im „Busch“ nicht nur durch ihre medizinischen Kenntnisse, sondern auch durch ihr zivilisatorisches Eingreifen legitimiert wird.

Die zusätzliche Dimension der Kritik an der kapitalistischen Inhumanität findet ebenfalls nur als Folie für die handelnden Weißen statt. Die Afrikaner werden auf ihren Status als Opfer reduziert, sind so kaum mehr als Requisiten in der Geschichte des Kampfes zwischen humanitärer Gesinnung Vollendorfs und der kapitalistischen Ausbeutung, vertreten durch den Minenbesitzer Michael Shorn und den Investor Seth Millen.

„Einsame Entscheidung“

Im zweiten Teil der Reihe „Einsame Entscheidung“[4] retten der Buschpilot und die Ärztin den Ethnologen Philip Lavar, der am Marburg-Virus erkrankt ist. Bald stellt sich heraus, dass auch ein Kind des entlegenen Jhaskais-„Stammes“ infiziert ist.

Der „Stamm“ der Jhaskais „schottet sich seit jeher ab“ sagt die Krankenschwester Rosi zu Vollendorf. Als Vollendorf darauf erwidert, dass sie das Kind aber nicht einfach sterben lassen könne, betont Rosi: „Afrika ist nicht Deutschland. Hier gelten andere Regeln. Für uns gehört der Tod zum Leben dazu.“

Als die Ärztin die Jhaskais schließlich dennoch aufsucht, wird ein Ritual gezeigt, das Vollendorf an „die letzte Ölung“ erinnert: „Die kümmern sich gar nicht um die Genesung des Mädchens; die kümmern sich um ihren Tod.“ Auch in dieser Szene bezieht der Film seine Bildsprache aus dem Fundus des bestehenden kulturellen Archivs der etablierten Afrika-Bilder: bemalte Schwarze tanzen, mit Kalaschnikows bewaffnet, zum Sound von Buschtrommeln im Kreis um das Mädchen auf ihren Tod vorzubereiten.

Die Ärztin rettet das Kind durch eine Entführung und erzürnt dadurch den „Stamm“, der „Fremde“ hasst, das Krankenhaus mit Kalaschnikows angreift und nur durch das beherzte Eingreifen der männlichen Figuren in die Flucht geschlagen wird.

Wie im ersten Teil der Reihe wird der Plot durch die Konfrontation zwischen Tradition und Moderne angetrieben. Und wie im ersten Teil dient eine Weiße Figur, hier die hinterhältige und skrupellose Figur des Ethnologen Lavar, zur Abgrenzung und Einführung einer zusätzlichen Dimension der Legitimation: Die Afrikaner müssen vor den Umtrieben der egoistischen, unmenschlichen und skrupellosen Europäer geschützt werden.

Nur durch Vollendorfs Anwesenheit überlebt der „Stamm“, nur durch ihre Intervention wird der „stammes“-interne Streit gelöst.

Dabei zeigt sich die Konfrontation von afrikanischer „Tradition“ und europäischer „Moderne“ auch in der Bildsprache: hier die westlich gekleideten Weißen, die in repräsentativen kolonial-nostalgischen Steinbauten (erbaut: 1936) wohnen und arbeiten – dort die nackten, bemalten „Wilden“, die in primitiven Zelten und Hütten hausen.

Dabei versuchen die Filme durchaus teilweise zu differenzieren. Die Figuren Obahir (der Fahrer im ersten Teil) und Rosi (die Krankenschwester) zeigen Schwarze Menschen in moderner westlicher Kleidung. Rosi reflektiert sogar über den Widerspruch von afrikanischer Tradition und europäischer Zivilisation. Bemerkenswert bleibt aber, dass im Gegensatz zu den Weißen Figuren die Schwarzen Figuren keine Nachnamen tragen und dass offensichtlich die Nähe zu den Weißen Hauptfiguren ein entscheidendes Kriterium für diese positive Zuordnung ist.

Die Reduktion und Homogenisierung Afrikas zu einem unbestimmten „Schwarzafrika“, in welchem „Stämme“ sich aufgrund von archaischen Traditionen gegenseitig umbringen oder aufgrund von Xenophobie die Weißen, die „nur helfen wollen“, mit Kalaschnikows angreifen, dient so auch zur Selbstaffirmation des friedvollen, aufgeklärten und modernen „Eigenen“, das dem so inszenierten „Anderen“ diametral gegenübersteht.[5] Die meisten dargestellten „Eingeborenen“ befinden sich auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe, die das eigene, unmarkierte Weißsein zur zu erreichenden Norm erhebt. Diese Denk- und Sprachmuster weisen eine deutliche Kontinuität in den (deutschen) Kolonialismus auf, in dem ebenfalls das zivilisatorische Sendungsbewusstsein die Kolonialherrschaft als Zivilisierungsmission rechtfertigen sollte. Dass dieser Export von Normen und Werten durch die Protagonisten in den Filmen durchaus in Frage gestellt wird, dient letztlich auch nur zur postmodernen Legitimation des eigenen Handelns. Denn die moralische Richtigkeit, z.B. das Leben des unschuldigen Kindes zu retten, kann durch die Konstruktion des Plots kaum ernsthaft in Zweifel gezogen werden.

Es mag kaum verwundern, dass in der Reihe „Herzkino“ zudem die Konstruktion von weiblicher und männlicher Weißheit klassischen Rollenklischees entspricht: dort der männliche Abenteurer (Buschpilot) und hier die weibliche Ärztin. Auch wenn diese Anknüpfung sicher nicht bewusst geschehen ist: Krankenpflege war tatsächlich neben der christlichen Mission die klassische Rolle für Frauen in den deutschen Kolonien.[6]

Mit dieser Mischung aus trivialer Liebesgeschichte, Abenteuer, Exotik und zivilisatorischer Überlegenheit fügt sich die Reihe nahtlos in einen Afrika-Diskurs ein, der tief in kolonial-nostalgischen Narrativen wurzelt. Dass das ZDF „keine afrikanische TV-Folklore“ produzieren wollte, mag man angesichts dessen kaum glauben.

 

[1] https://presseportal.zdf.de/pm/jana-und-der-buschpilot/, zuletzt eingesehen am 20.9.2015.

[2] Für eine Einführung in diese problematischen Begrifflichkeiten vgl.: Arndt, Susan; Hornscheid, Antje (Hrsg.):

Afrika und die deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk, 2. Aufl., Münster 2009.

[3] http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2462052/Jana-und-der-Buschpilot-%2528Teil-2%2529#/beitrag/video/2462040/Jana-und-der-Buschpilot-%28Teil-1%29, zuletzt eingesehen am 20.9.2015.

[4] http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2462052/Jana-und-der-Buschpilot-%2528Teil-2%2529#/beitrag/video/2462052/Jana-und-der-Buschpilot-%28Teil-2%29, zuletzt eingesehen am 20.9.2015.

[5] Siehe dazu v.a. die Werke Saids, der die kulturelle Konstruktion des „orientalen Anderen“ als kulturelles Gegenbild des „okzidentalen Eigenen“ in seiner bahnbrechenden Studie „Orientalism“ analysierte und später diese Analyse der Betrachtung kultureller Praxen auf weitere „Kulturräume“ ausweitete: Said, Edward: Orientalismus, Frankfurt am Main 2009; ders.: Kultur und Imperialismus. Einbildungskraft und Politik im Zeitalter der Macht, Frankfurt am Main 1993. Zur Kritik an Saids teilweise essenzialistischen Ideen aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive siehe: MacKenzie, John M.: Orientalism. History, theory and the arts, Manchester 1995.

[6] Vgl. Dietrich, Anette: Weiße Weiblichkeiten. Konstruktion von „Rasse“ und Geschlecht im deutschen Kolonialismus, Bielefeld 2007, S. 254-258.

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Blog, Facebook & Co.: Hamburgs (post-)koloniales Erbe

Die Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe/Hamburg und die frühe Globalisierung“ der Universität Hamburg hat jetzt neben einer Facebook-Seite auch einen eigenen Blog, in dem in loser Folge zentrale Entwicklungen auf dem Gebiet der kolonialen Erinnerung, der historischen Erforschung des deutschen Kolonialismus und der Arbeit der Forschungsstelle in Hamburg als Essays und Podcasts veröffentlicht werden: Zum Blog.

Christa Goetsch über die Aufarbeitung des „kolonialen Erbes“ in Hamburg

Christa Goetsch sprach am 22.01.2015 in der Hamburgischen Bürgerschaft über die Aufarbeitung des (post-)kolonialen Erbes, welche einen „langen Atem“ und „Durchhaltevermögen“ benötige.

Rezension: Sven Beckert: King Cotton. Eine Geschichte des globalen Kapitalismus

9783406659218_cover[1]In der Geschichtswissenschaft hat sich in den letzten Jahren ein Paradigmenwechsel vollzogen: unter dem Etikett der „transnationalen“ bzw. „Globalgeschichte“ werden in einem stark wachsenden Feld der Geschichtswissenschaft Wechselwirkungen und Verflechtungen der globalisierten Welt untersucht und dabei der Versuch unternommen, die eurozentrische und nationalgeschichtliche Perspektive älterer Historiografie zu überwinden.[1]

Insbesondere global gehandelte Güter wie Kaffee, Zucker, Tee oder Baumwolle bieten sich an, transnationale Verflechtungen kenntlich zu machen und ermöglichen eine Verbindung von regionaler Mikro- mit globaler Makrogeschichte.[2]

Der Harvard-Professor Sven Beckert hat nun mit „King Cotton. Eine Geschichte des globalen Kaptialismus“ eine beeindruckende Studie vorgelegt, die anhand Baumwollproduktion und –industrie Antworten auf die Frage sucht, warum und wie es zu den bis heute wirkmächtigen Unterschieden zwischen dem globalen Norden und Süden – der „Great Divirgence“ gekommen ist.[3]

Dass Beckert Baumwolle in den Fokus seiner Forschung stellt, ist einleuchtend: Wie kaum ein anderer Rohstoff steht die Veränderung der Baumwollproduktion am Anfang der globalen Ausbreitung des Kapitalismus – von intensiver Arbeitsteilung, Produktionssteigerung und expandierender sozialer Ungleichheit.

Dabei begnügt sich Beckert nicht mit konventionellen Antworten im Rahmen des Modernisierungsnarrativs – nach dem Demokratisierung, Rechtsstaatlichkeit und Kapitalismus zusammengedacht werden, sondern stellt Zusammenhänge zwischen der Transformation des Wirtschaftssystems und der imperialen Expansion her. Denn, so Beckert, Sklaverei, kolonialer Landraub und der Einsatz von Zwang und Gewalt zur Gewinnmaximierung seien nicht nur Ausrutscher des kapitalistischen Systems. Vielmehr stünde die von ihm als „Kriegskapitalismus“ bezeichnete Phase der „Enteignung von Land und Arbeitern in Afrika, Asien und den Amerikas“ am Anfang eines sich global ausbreitenden Kapitalismus und brachte den Industriekapitalismus erst hervor.

Damit widerspricht Beckert auch einem Trugschluss wirtschaftsliberaler Theoretiker, dass sich der Markt optimaler Weise ohne die Einmischung des Staates entwickeln würde. Der Staat habe im Gegenteil erst die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass es einen Markt gibt. Die Genese und Entwicklung moderner Nationalstaaten und die Globalisierung schlössen demzufolge auch nicht aus sondern bedingen und verstärkten sich wechselseitig: „Wenn unser angeblich neues globales Zeitalter sich auf revolutionäre Weise von der Vergangenheit unterscheidet, […] dann dadurch, dass Kapitalbesitzer erstmals in der Lage sind sich von genau jenen Nationalstaaten zu emanzipieren, die in der Vergangenheit ihren Aufstieg ermöglicht haben.“[4]

Beckerts Verdienst ist, dass er diese Zusammenhänge nicht nur als große These verfolgt, sondern sie auf einer breiten empirischen Basis belegt. Herausgekommen ist keine theoretische Analyse des globalen Kapitalismus sondern ein Breites Panorama des „Kapitalismus in Aktion“.

[1] In den letzten Jahren erschien eine Reihe globalgeschichtlicher Studien, von denen drei herausragende Arbeiten genannt werden sollen: Bayly, Christopher Alan: Die Geburt der modernen Welt. Eine Globalgeschichte 1780 – 1914, Frankfurt 2006; Wendt, Reinhard: Vom Kolonialismus zur Globalisierung. Europa und die Welt seit 1500, Paderborn [u.a.] 2007; Osterhammel, Jürgen: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2009. Viele Studien, denen das Etikett „transnationale“ bzw. „Globalgeschichte“ anhaftet, sind freilich Studien globaler Phänomene im nationalen Kontext. Oft ist der Unterschied zur historischen Komparatistik zudem unklar. Der schwierigen Etikettierung zum Trotz, erweitern diese Arbeiten die Perspektive der nationalen Geschichtsschreibung und ermöglichen dadurch einen fruchtbaren Zugriff auf historische Gemengelagen, so u.a. Conrad, Sebastian: Globalisierung und Nation im deutschen Kaiserreich, München 2006.

[2] Vgl. u.a.: Clarence-Smith, W. G.; Topik, Steven: The global coffee economy in Africa, Asia and Latin America, 1500-1989, Cambridge, UK, New York 2003; Mintz, Sidney W.: Sweetness and power. The place of sugar in modern history, New York 1985; Mair, Victor H.; Hoh, Erling: The true history of tea, New York, London 2009; Riello, Giorgio: Cotton. The fabric that made the modern world, Cambridge 2013.

[3] Pomeranz, Kenneth: The great divergence. China, Europe, and the making of the modern world economy, Princeton, N.J. 2000.

[4] Beckert, Sven: King Cotton: Eine Globalgeschichte des Kapitalismus, München 2014, S. 17.

Großbritannien „entdeckt“ 170.000 Akten

„Surprise, surprise. We’ve heard this before.“ kommentiert Harvard Professorin Caroline Elkins in der VICE den neuesten Fund vermeintlich verschollener Akten des Foreign and Commonwealth Office. Über 600.000 Akten (unter anderem bisher unbekannte Akten über den transatlantischen Sklavenhandel) lagern noch in den „special collections“ des FCO, die der Öffentlichkeit nicht zugängig sind. Damit verstößt das FCO seit Jahren gegen das britische „Public Records“ Gesetz, das den öffentlichen Zugang zu Archivgut regelt. Schon länger besteht unter Historikern der Verdacht, dass das FCO die Akten der „special collections“ wissentlich geheimhält.

 

 

IS-Terror

Wer dieser Tage den Fernseher einschaltet, Nachrichtenseiten besucht oder Zeitung liest, wird sich des Eindruckes nicht erwehren können, dass die Dämonen der Vergangenheit zu Teufeln der Gegenwart geworden sind.

Der Antagonist von Leben, Freiheit und Würde

In Syrien und im Irak ist mit dem „Islamischen Staat“ ein Ableger von Al-Qaida entstanden, der so bösartig, so grotesk und radikal als Antagonist von Leben, Freiheit und Würde der dort lebenden Menschen auftritt, dass es unmöglich scheint dies in irgendeiner Weise zu ignorieren.

Die Solidarität mit der kurdischen Bevölkerung, die versucht den Angriffen des IS standzuhalten, bringt dieser Tage viele Menschen auf die Straße und führte in Hamburg vergangene Woche zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Kurden und Salafisten.

Selbst Menschen, die nicht zum Bellizismus neigen, stellen sich die Frage, wie mit einem militärisch-politischen Akteur umgegangen werden kann, der die Negierung fast aller wesentlicher Fundamente einer aufgeklärten, demokratischen, rechtsstaatlichen Gesellschaft repräsentiert und zur Bedrohung nicht nur der Bevölkerung in Syrien und im Irak sondern der gesamten umgebenden Region geworden ist und letztlich auch einen totalitären weltumspannenden Allmachtsanspruch formuliert. (Hier gibt es einen ISIS Fact Sheet von Adopt A Revolution: https://www.adoptrevolution.org/isis-factsheet/).

Waffenlieferungen, Luftwaffeneinsätze, Bodentruppen?

Mit Diplomatie und guten Worten wird sich der IS jedenfalls nicht stoppen lassen – das haben eigentlich alle erkannt.

Und so denkt selbst die LINKE, bisher für ihre rigorose und grundsätzliche Ablehnung aller militärischen Interventionen bekannt, öffentlich über Militäreinsätze nach.

Und doch möchte man den politischen Entscheidungsträgern zurufen, dass sie doch bitte ein paar Geschichtsbücher in die Hand nehmen mögen. Denn der IS ist auf einem Boden der Destabilisierung und des Machtvakuums gewachsen, den Amerika und Europa mit zu verantworten haben. Und so kann Angela Merkels Satz „ISIS liegt in unserem Verantwortungsbereich.“ zugleich als Bekenntnis wie als Lagebeschreibung gelesen werden.

 

Kontrafaktisches Afrika

africasanscolonizationKontrafaktische Geschichtsschreibung wird von den meisten Historikern nicht als wirklich seriöse Methode anerkannt, da die Möglichkeit der Falsifizierbarkeit nicht gegeben ist.

Die Frage nach einem „Was wäre wenn?“ kann aber besonders in didaktischen und pädagogischen Zusammenhängen erhellend wirken und einem deterministischen und teleologischen Geschichtsbild entgegenwirken.

In diese Sparte fällt auch eine gerade in der Washington Post publizierte Karte Afrikas, welche die Dinge sprichwörtlich auf den Kopf stellt und dabei helfen kann, einen gewissen Teil der Konflikte und Probleme, die durch die Kolonisierung entstanden sind, zu hinterfragen.

Auf Basis von politischen, ethnischen und linguistischen Studien zeichnete der schwedische Künstler Nikolaj Cyon eine Karte Afrikas, wie sie sich aus den Verhältnissen, die um 1844 vorlagen, hätten entwickeln können.

Ungewiss bleibt dabei, welche der vielfältigen ethnischen und linguistischen Gruppen 1844 tatsächlich jene Ausbreitung hatten. Unwahrscheinlich ist auch, dass alle dieser Gruppen, Staaten nach Westfälischem System mit klar definierten Territorien gebildet hätten.

Zum Vergleich der Ikonografie eine 1885 (direkt nach der Kongokonferenz) Herausgegebene Karte, in der die jeweiligen europäischen Ansprüche farbig markiert wurden.
Zum Vergleich der Ikonografie eine 1885 (direkt nach der Kongokonferenz) Herausgegebene Karte, in der die jeweiligen europäischen Ansprüche farbig markiert wurden.

Dennoch ist die Karte ein gutes Beispiel für gelungene kontrafaktische Geschichtsschreibung. Sie bedient sich der ikonographischen Ästhetik der politischen Karten des 19. Jahrhunderts und beginnenden 20. Jahrhunderts – und dreht sie auf den Kopf. Diese Verfremdung kulturell gelernter Perspektiven kann dabei helfen, jene wirkmächtigen Bilder zu dekonstruieren, die durch Karten vermittelt wurden und noch heute ein Bild des prä-kolonialen Afrikas zeichnen, das durch das Vorhandensein von großen „weißen Flecken“ geradezu auf die Entdeckung und Kolonisierung wartete.

Die Zusammenstellung der Washington Post ist insgesamt sehr wertvoll und bekommt ein dringendes Lesezeichen.