Eric Hobsbawm ist gestorben

Eric Hobsbawm
Eric Hobsbawm (Quelle: http://andrestesta.tumblr.com/post/32663234177/hasta-siempre-eric-hobsbawm)

Er war einer der ganz großen. Einer der Historiker, die einem das Gefühl geben, das richtige studiert zu haben.

Die Namen der Wissenschaftler, die einem während seines Studiums ein wirkliches „Aha“-Erlebnis verschafft haben, lässt sich in der Regel an einer Hand abzählen. Oftmals wiederholen sich sich die Argumente in veränderter Form oder es wird etwas allgemein bekanntes in wissenschaftlich präziser Sprache auf den Punkt gebracht.

Manchmal – je länger man studiert, desto seltener werden diese Momente – aber gibt es diesen Moment der Erleuchtung. Wenn die Welt durch einen Text, durch eine Idee, plötzlich ein Wenig verständlicher wurde und alles etwas klarer erscheint als zuvor.

So ging es mir mit Michel Foucault und Edward Said. So ging es mir auch Pierre Bourdieu – Philosophen, Literaturwissenschaftler und Soziologen. Aber zu den wenigen Historikern, die mich zu völlig neuen Einsichten bewegt haben, gehören Benedict Anderson („Imagined Communities“) und Eric Hobsbawm.

Ich bin in den 1980ern im Selbstverständnis aufgewachsen, dass es sowas wie eine „natürliche“ Nation gäbe und dass die innerdeutsche Grenze eben jene Nation unnatürlicher Weise teile und dass eigentlich alle Menschen irgendeiner quasi-natürlichen Nation angehören müssten, die irgendwie schon immer da gewesen sind.

Doch die Beschäftigung mit den Ideen Andersons und Hobsbawms haben mir gezeigt, dass dies nicht so ist. Dass Nationen eben keine naturgegebenen Gebilde sind, sondern einer bestimmten Zeit und ganz bestimmten Umständen entstammen – und eben konstruiert sind. Dass auch Traditionen nicht einfach entstehen, sondern erfunden werden müssen.

Dabei geriet Hobsbawm nicht in das post-moderne Dilemma, Wahrheiten nicht aussprechen zu können, weil alles nur noch Diskurs sei. Dazu war er vielleicht auch zu politisch. Sein Leben lang war er Marxist. Noch 2009 sagte er in einem sehr lesenswerten Interview mit dem Stern:

Auch der Kapitalismus, egal, wie zäh er ist und wie sehr er auch in den Köpfen der Menschen als etwas Unabänderliches erscheint, er wird verschwinden, früher oder später.

Sein zuletzt veröffentlichtes Buch trug den Titel: „Wie man die Welt verändert. Über Marx und den Marxismus“.

Es ist bezeichnend für diesen großen Denker, dass selbst neo-konservative, wie Niall Ferguson, ihn als einen der einflussreichsten und gescheitesten Historiker unserer Zeit bezeichnen.

Die Welt trauert um einen großen Historiker, einen der immer wieder für kleine Erleuchtungen gesorgt hat.