IS-Terror

Wer dieser Tage den Fernseher einschaltet, Nachrichtenseiten besucht oder Zeitung liest, wird sich des Eindruckes nicht erwehren können, dass die Dämonen der Vergangenheit zu Teufeln der Gegenwart geworden sind.

Der Antagonist von Leben, Freiheit und Würde

In Syrien und im Irak ist mit dem „Islamischen Staat“ ein Ableger von Al-Qaida entstanden, der so bösartig, so grotesk und radikal als Antagonist von Leben, Freiheit und Würde der dort lebenden Menschen auftritt, dass es unmöglich scheint dies in irgendeiner Weise zu ignorieren.

Die Solidarität mit der kurdischen Bevölkerung, die versucht den Angriffen des IS standzuhalten, bringt dieser Tage viele Menschen auf die Straße und führte in Hamburg vergangene Woche zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Kurden und Salafisten.

Selbst Menschen, die nicht zum Bellizismus neigen, stellen sich die Frage, wie mit einem militärisch-politischen Akteur umgegangen werden kann, der die Negierung fast aller wesentlicher Fundamente einer aufgeklärten, demokratischen, rechtsstaatlichen Gesellschaft repräsentiert und zur Bedrohung nicht nur der Bevölkerung in Syrien und im Irak sondern der gesamten umgebenden Region geworden ist und letztlich auch einen totalitären weltumspannenden Allmachtsanspruch formuliert. (Hier gibt es einen ISIS Fact Sheet von Adopt A Revolution: https://www.adoptrevolution.org/isis-factsheet/).

Waffenlieferungen, Luftwaffeneinsätze, Bodentruppen?

Mit Diplomatie und guten Worten wird sich der IS jedenfalls nicht stoppen lassen – das haben eigentlich alle erkannt.

Und so denkt selbst die LINKE, bisher für ihre rigorose und grundsätzliche Ablehnung aller militärischen Interventionen bekannt, öffentlich über Militäreinsätze nach.

Und doch möchte man den politischen Entscheidungsträgern zurufen, dass sie doch bitte ein paar Geschichtsbücher in die Hand nehmen mögen. Denn der IS ist auf einem Boden der Destabilisierung und des Machtvakuums gewachsen, den Amerika und Europa mit zu verantworten haben. Und so kann Angela Merkels Satz „ISIS liegt in unserem Verantwortungsbereich.“ zugleich als Bekenntnis wie als Lagebeschreibung gelesen werden.

 

Kontrafaktisches Afrika

africasanscolonizationKontrafaktische Geschichtsschreibung wird von den meisten Historikern nicht als wirklich seriöse Methode anerkannt, da die Möglichkeit der Falsifizierbarkeit nicht gegeben ist.

Die Frage nach einem „Was wäre wenn?“ kann aber besonders in didaktischen und pädagogischen Zusammenhängen erhellend wirken und einem deterministischen und teleologischen Geschichtsbild entgegenwirken.

In diese Sparte fällt auch eine gerade in der Washington Post publizierte Karte Afrikas, welche die Dinge sprichwörtlich auf den Kopf stellt und dabei helfen kann, einen gewissen Teil der Konflikte und Probleme, die durch die Kolonisierung entstanden sind, zu hinterfragen.

Auf Basis von politischen, ethnischen und linguistischen Studien zeichnete der schwedische Künstler Nikolaj Cyon eine Karte Afrikas, wie sie sich aus den Verhältnissen, die um 1844 vorlagen, hätten entwickeln können.

Ungewiss bleibt dabei, welche der vielfältigen ethnischen und linguistischen Gruppen 1844 tatsächlich jene Ausbreitung hatten. Unwahrscheinlich ist auch, dass alle dieser Gruppen, Staaten nach Westfälischem System mit klar definierten Territorien gebildet hätten.

Zum Vergleich der Ikonografie eine 1885 (direkt nach der Kongokonferenz) Herausgegebene Karte, in der die jeweiligen europäischen Ansprüche farbig markiert wurden.
Zum Vergleich der Ikonografie eine 1885 (direkt nach der Kongokonferenz) Herausgegebene Karte, in der die jeweiligen europäischen Ansprüche farbig markiert wurden.

Dennoch ist die Karte ein gutes Beispiel für gelungene kontrafaktische Geschichtsschreibung. Sie bedient sich der ikonographischen Ästhetik der politischen Karten des 19. Jahrhunderts und beginnenden 20. Jahrhunderts – und dreht sie auf den Kopf. Diese Verfremdung kulturell gelernter Perspektiven kann dabei helfen, jene wirkmächtigen Bilder zu dekonstruieren, die durch Karten vermittelt wurden und noch heute ein Bild des prä-kolonialen Afrikas zeichnen, das durch das Vorhandensein von großen „weißen Flecken“ geradezu auf die Entdeckung und Kolonisierung wartete.

Die Zusammenstellung der Washington Post ist insgesamt sehr wertvoll und bekommt ein dringendes Lesezeichen.

 

Historischer Atlas: Wie weit kommt man mit einer Tagesreise ab New York?

Die Moderne ist eine Zeit der massiven Beschleunigung. Wir erleben seit den 1990er Jahren eine enorme Beschleunigung der Kommunikation, mithilfe derer wir in Echtzeit mit Menschen überall auf der Welt schreiben, telefonieren oder videotelefonieren können.

Die Beschleunigung und Veränderung der Mobilität wird heutzutage als beinahe selbstverständlich betrachtet. Dabei hilft es die Perspektive manchmal zu erweitern. Strecken, die früher Tage, Wochen oder Monate gedauert haben, brauchen heute mit dem geeigneten Verkehrsmittel nur noch wenige Stunden.

In einem digitalisierten historischen Weltaltlas, lässt sich nachvollziehen, wie weit man innerhalb einer Tagesreise ab New York gekommen ist.

Quartz hat daraus eine leicht verständliche Karte gestaltet:

 

timetravelto_nyc

Quelle


Der digitalisierte Atlas ist aber mehr als nur diesen einen Blick wert. Es gibt nicht nur einfach Digitalisate zu betrachten, der Atlas lässt sich vielmehr interaktiv bedienen. So können Entwicklungen im Zeitverlauf auch animiert betrachtet werden. Zudem gibt es eine gute Einleitung zu dieser digitalen Ausgabe des historischen Atlas der USA:

historischer_atlas

Quelle

 

 

Sklaverei: Karibische Staaten verklagen ehemalige Kolonialmächte

Nachdem die Klage von Veteranen der „Mau Mau Revolution“, die in den 1950er Jahren das koloniale Selbstverständnis Großbritanniens erschütterte, 2012 spektakulären Erfolg hatte und zu einer neuen und intensiven historischen Aufarbeitung führte, vertritt dieselbe Anwaltskanzlei eine neue Klage zahlreicher Staaten der Karibik gegen Großbritannien, Holland und Frankreich wegen der Verbrechen und des Schadens der durch den transatlantischen Sklavenhandel verursacht wurde.

Auch wenn diese Klage tatsächlich weniger erfolgversprechend ist, wie jene der Mau Mau Veteranen, so birgt auch diese Klage das Potenzial zu einer umfassenden historischen und gesellschaftlichen Aufarbeitung.

 

Quelle: http://www.nytimes.com/2013/10/21/world/americas/caribbean-nations-to-seek-reparations-putting-price-on-damage-of-slavery.html

Words that last – oder doch nicht?

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Screenshot (Quelle: http://www.washingtonpost.com/wp-srv/special/national/words-that-last/)

Vor einigen Tagen ging eine Studie der University of Reading durch die Medien, in der ein Team von Linguisten 23 vermeintlich „ultraconserved words“ ausgemacht haben, die sich seit 15 000 Jahren in diversen Sprachen nahezu unverändert erhalten haben und auf eine gemeinsame Ur-Sprache („proto-Eurasiatic“) zurückgehen würden.

Die dahinterstehende Idee ist faszinierend. Könnte man sich in eine Zeitmaschine setzen und einige Tausend Jahre zurück reisen, so würden die Menschen, auf die man dann in Europa oder Asien träfe folgenden Satz verstehen (der haupstächlich aus diesen „ultraconserverd words“ besteht):

You, hear me! Give this fire to that old man. Pull the black worm off the bark and give it to the mother. And no spitting in the ashes!

Als Nicht-Linguist war ich zunächst von diesem Ergebnis der Studie begeistert. Bis ich (via Sprachlog) auf eine fundierte wissenschaftliche Kritik dieser Studie stieß. Der Bedeutungswandel den einzelne Wörter durchmachen, ist schon innerhalb einer Sprachfamilie und während einer kurzen Zeitperiode enorm. Sehr eindrucksvoll demonstriert die direkte Übersetzung des obigen Satzes ins Russische wie schwer es wäre, mit 15 000 Jahren Unterschied auch nur annähernd zu verstehen worum es ginge:

Vy, uslyshte menja! Dajte etot ogon’ tomu staromu muzhu. Potjanite chjornogo chervja s kory i dajte jego materi. I ne plevat’ v pepel!

Na, verstanden?

Sehr einleuchtend wird die Kritik auch durch die beispielhafte Darstellung der Entwicklung des englischen Worts „man“, das ebenfalls auf der Liste der „ultraconserved words“ steht. Dieses Wort habe innerhalb von ca. 1000 Jahren einen so enormen Bedeutungswandel vom geschlechtsneutralen „Mensch“ bzw. „Person“ im Alt-Englischen zur geschlechtspezifischen „Mann“ im Mittel-Englischen durchlaufen, dass es als schlichtweg falsch erscheine überhaupt von „ultrakonservierten Wörtern“ zu sprechen.

Die linguistische Kritik des Artikels endet nach einer stichhaltigen Beweisführung mit dem Fazit, dass die Suche nach Wörtern, die seit der letzten Eiszeit unverändert geblieben seien, zwar verführerisch, aber letztlich aussichtslos sei.

Grausame Abgründe

„Unsere Mütter, unsere Väter“ ist das Thema der Woche. Am Montag titelte die Bild-Zeitung:

Waren deutsche Soldaten wirklich so grausam?

Als ob durch den Film bisher unbekannte Wahrheiten ans Licht kämen. Das Fazit der Redaktion lautet:

Ein Entrinnen aus der Hölle dieses Krieges gab es für die deutschen Soldaten nicht. Wer desertierte, wurde meistens aufgegriffen und von einem Standgericht im Schnellverfahren zum Tode durch Erschießen verurteilt. Mehr als 15 000 solcher Todesurteile wurden verhängt. So blieb den Soldaten nur, den Wahnsinn bis zum Ende zu ertragen. 

Quelle: bild.de [Hervorhebungen von mir]

Es ist wohl wahr, dass ein Soldat im Verlauf eines Krieges nur wenige Optionen hat. Desertation ist zwar eine davon, doch hochgefährlich. (Nebenbei: Es bleibt eine bodenlose Frechheit, dass denjenigen, die den Mut hatten, sich gegen dieses System zu entscheiden und zu desertieren noch immer kaum gedacht wird.)

Dennoch: Der Zweite Weltkrieg war kein Zufall. Er ist nicht „über die Deutschen gekommen“. Die deutsche Bevölkerung hat dieses Regime gewählt und unterstützt, dessen Grundlage unter anderem die Eroberung von „Lebensraum im Osten“ war.

Rassismus, Nationalismus und Expansionismus amalgamierten zu einer verbrecherischen Ideologie, von deren Umsetzung in ein Staatskonzept ein großer Teil der Deutschen profitierte.

Jener Teil, der nach dem Krieg gerne darauf verzichtet hätte, sich mit der eigenen Verstrickung auseinanderzusetzen oder gar die eigene Schuld anzuerkennen.

Man kann nur staunenderweise den Kopf schütteln, wenn man sich beispielsweise die Karriere eines Hans Globke vor Augen führt, der zunächst an den berüchtigten Nürnberger Rassegesetzen mitgewirkt hat und später bis zu dessen Abwahl Staatsekretär im Kanzleramt von Konrad Adenauer wurde.

Es sind diese Unfassbarkeiten gepaart mit der Forderung von Opfern dieses Unrechts-Regimes, die Verbrechen niemals zu vergessen (was – wie erwähnt – ein Großteil der Täter und sonstwie Verstrickten lieber doch getan hätte), der es schwer aushaltbar macht, wenn der populärste Kommentar zum oben erwähnten Bericht der Bild Zeitung lautet:

bild.de Kommentar-Screenshot
bild.de Kommentar-Screenshot

 

Die nachkommenden Generationen haben keine Schuld und sie brauchen keinen Schuldkomplex. Aber sie müssen sich ihrer Verantwortung stellen; der Verantwortung so etwas nicht wieder zuzulassen genauso, wie der Verantwortung diese Verbrechen nicht einfach zu vergessen. Das bleiben wir den Opfern schuldig.

Aber ob es dafür ausgerechnet diesen Film benötigt, daran zweifle nicht nur ich.

Sehepunkte: Feedback

sehepunkte (Screenshot)
sehepunkte (Screenshot) / http://www.sehepunkte.de/

Die Sehepunkte sind ein monatlich online erscheinendes Rezensionsjournal für geschichtswissenschaftliche Veröffentlichungen. Seit 2001 erscheint das Journal und ich – wie viele Kollegen – habe den Newsletter abonniert und freue mich jeden Monat wieder über das Erscheinen.

Im letzten Newsletter bat das Redaktionsteam nun um Feedback:

In diesem Monat möchten wir Sie alle darüber hinaus aber noch zu einer Stellungnahme einladen: Die sehepunkte erscheinen nun seit über 11 Jahren zwar ausschließlich online, aber im vergleichsweise traditionellen Gewand einer monatlichen Zeitschrift. Angesichts von RSS-Feeds, Blogs und zahlreichen sozialen Netzwerken bzw. Kommunikationskanälen wird diese Publikationsform inzwischen gelegentlich als „überholt“ oder „die Möglichkeiten des Netzes nicht ausreichend nutzend“ klassifiziert. Was halten Sie davon? Sollten die sehepunkte ihre Erscheinungsform beibehalten oder den Journalcharakter tendenziell auflösen? Wir freuen uns über möglichst zahlreiche Wortmeldungen unter: redaktion@sehepunkte.de !

Quelle

Und da ich meine Gedanken nicht nur mit der Redaktion teilen will, folgen an dieser Stelle einige kurz angerissene Ideen.

Zunächst einmal: Endlich! Endlich fragt man die Nutzer des Angebots, wie sie es nutzen und was sie sich in Zukunft wünschen würden. Das ist bereits ein entscheidender Schritt in der Verbesserung des Onlineauftritts. Das ist tatsächlich „die Möglichkeiten des Netzes […] ausnutzen“. Die direkte Kommunikation mit den Nutzern ist ein entscheidender aber viel zu oft unterschätzter Vorteil von Online-Angeboten.

Zur Frage: Ja. Diese Publikationsform als einzige Form zu nutzen, ist absolut und ohne Frage überholt. Es spricht überhaupt nichts dagegen (von internen Prozessen möglicherweise abgesehen) Rezensionen sofort nach ihrer redaktionellen Prüfung online zu stellen. Denn das Eine (ein monatlich erscheinendes Online-Journal und Newsletter) schließt das andere (die sofortige Veröffentlichung) nicht gegenseitig aus. Das ist doch das tolle: Jedem Nutzer seine Nutzungsgewohnheit!

Toll ist aber auch, dass es bereits einen Facebook-Fanpage und einen Twitter-Account der sehepunkte gibt. Unklar bleibt, warum von der Homepage keine Links zu diesen Auftritten gesetzt sind (oder diese so versteckt sind, dass ich sie einfach nicht finden konnte).

Sicher, die Seite könnte durchaus mal wieder überarbeitet werden und das angestaubte Design loswerden, aber sie bleibt inhaltlich eine der besten Seiten für deutschsprachige Historiker im Netz. Die langsame Anpassung an Online-Modi ist absolut wünschenswert und lässt auf die weitere Entwicklung gespannt warten.

Stabi 2.0: Beluga

Beluga
Beluga

Die Möglichkeit über eine gezielte Literatur-Recherche einen Titel aufzufinden und sich anhand der Bücher, die im selben Regal der Bibliothek stehen, neue Themenbereiche zu erschließen, entfällt durch die Umstrukturierung und Effektivierung von Bibliotheken leider immer häufiger.

Der Wegfall von Präsenzbibliotheken sowie die Katalogisierung von Büchern nach Erwerbsdatum und nicht nach inhaltlichen Gesichtspunkten muss daher zu neuen Recherchestrategien führen. Ein Hindernis sind leider nach wie vor altbackene Bibliothekskataloge auf Basis von Software der OCLC.

Denn habe ich ein Werk gezielt (zb. über den Titel oder den Namen des Autors) gefunden und suche dann nach ähnlichen Werken soll beispielsweise die Verschlagwortung und Einordnung der Werke in Sachgebiete helfen – Volltextsuchen gibt es (noch) äußerst selten. Das Problem dabei ist, dass dank der großen Datenmengen und durch die Verschlagwortung bzw. Einordnung in Sachgebiete ein Buch nicht auf ähnlich intuitive Weise verortet werden kann, wie dies durch die räumliche Nähe in einem Bücherregal möglich ist.

Um ein Beispiel zu nennen: Meine Magisterarbeit ist im Katalog der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg 3 Sachgebieten zugeordnet mit 23.509, 6.121, und 1.853 Treffern. Eine Wirkliche Nähe zu ähnlichen Arbeiten lässt sich durch das Durchklicken der Trefferlisten nicht identifizieren, obwohl sie zweifellos existiert.

Diesem Umstand trägt nun ein neuer Dienst der Staats- und Universitätsbibliothek namens „Beluga“ Rechnung:

beluga ermöglicht Ihnen eine nutzerfreundliche Recherche, z.B. durch die Einblendung von Facetten, anhand derer Sie Ihre Suche sinnvoll auf relevante Werke einschränken können. Bei der Entwicklung vonbeluga wurden Studierende und Lehrende mit einbezogen, um Ihnen ein leistungsfähiges Werkzeug an die Hand zu geben.

Erste Stichproben meinerseits sind zwar noch weit von jenem wünschenswerten „virtuellen Bücherregal“ entfernt, aber bereits die Existenz des Projektes sollte positiv stimmen: http://beluga.sub.uni-hamburg.de/vufind/

Nützliche Tools: Camscanner

CamScanner (Screenshot)
CamScanner (Screenshot)

Fast jeder Historiker wird diese Situation kennen: Eine Kopie in einem Archiv ist oft nicht nur teuer, häufig ist sie sogar ziemlich aufwendig. Wer beispielsweise im Bundesarchiv in Berlin-Lichtenhagen Kopien anfertigen will, muss diese schriftlich bei einer der vor Ort ansässigen Firmen beantragen.

Doch mit der digitalen Revolution sind Digitalkameras Massenware und ein enorm wichtiges Utensil für Historiker geworden, die in Archiven recherchieren. Nun gibt es aber durchaus Momente, in denen man in einer Bibliothek oder einem Archiv steht und die Digitalkamera nicht in der Hosentasche steckt, weil sie z.B. noch auf dem Schreibtisch der eigenen Wohnung liegt.

Eine sehr praktische App für Android Telefone löst dieses Problem, zumindest, wenn man sein Smartphone Schlaufon eher bei sich trägt, als eine Digitalkamera – und mir geht es so. Der CamScanner macht (in Abhängigkeit von der Qualität der im Telefon verbauten Kamera) gute Bilder, kann diese intern in Kontrast und Helligkeit etc. bearbeiten und bietet sogar die Möglichkeit die Scans als mehrseitiges PDF zu speichern. Und das Ganze gibt es sogar als kostenlose App (bei der dann am unteren Rand der Dateien „Generated by CamScanner from intsig.com“ erscheint – was für reine Recherchearbeiten kein Problem darstellt): https://play.google.com/store/apps/details?id=com.intsig.camscanner&hl=de

Eric Hobsbawm ist gestorben

Eric Hobsbawm
Eric Hobsbawm (Quelle: http://andrestesta.tumblr.com/post/32663234177/hasta-siempre-eric-hobsbawm)

Er war einer der ganz großen. Einer der Historiker, die einem das Gefühl geben, das richtige studiert zu haben.

Die Namen der Wissenschaftler, die einem während seines Studiums ein wirkliches „Aha“-Erlebnis verschafft haben, lässt sich in der Regel an einer Hand abzählen. Oftmals wiederholen sich sich die Argumente in veränderter Form oder es wird etwas allgemein bekanntes in wissenschaftlich präziser Sprache auf den Punkt gebracht.

Manchmal – je länger man studiert, desto seltener werden diese Momente – aber gibt es diesen Moment der Erleuchtung. Wenn die Welt durch einen Text, durch eine Idee, plötzlich ein Wenig verständlicher wurde und alles etwas klarer erscheint als zuvor.

So ging es mir mit Michel Foucault und Edward Said. So ging es mir auch Pierre Bourdieu – Philosophen, Literaturwissenschaftler und Soziologen. Aber zu den wenigen Historikern, die mich zu völlig neuen Einsichten bewegt haben, gehören Benedict Anderson („Imagined Communities“) und Eric Hobsbawm.

Ich bin in den 1980ern im Selbstverständnis aufgewachsen, dass es sowas wie eine „natürliche“ Nation gäbe und dass die innerdeutsche Grenze eben jene Nation unnatürlicher Weise teile und dass eigentlich alle Menschen irgendeiner quasi-natürlichen Nation angehören müssten, die irgendwie schon immer da gewesen sind.

Doch die Beschäftigung mit den Ideen Andersons und Hobsbawms haben mir gezeigt, dass dies nicht so ist. Dass Nationen eben keine naturgegebenen Gebilde sind, sondern einer bestimmten Zeit und ganz bestimmten Umständen entstammen – und eben konstruiert sind. Dass auch Traditionen nicht einfach entstehen, sondern erfunden werden müssen.

Dabei geriet Hobsbawm nicht in das post-moderne Dilemma, Wahrheiten nicht aussprechen zu können, weil alles nur noch Diskurs sei. Dazu war er vielleicht auch zu politisch. Sein Leben lang war er Marxist. Noch 2009 sagte er in einem sehr lesenswerten Interview mit dem Stern:

Auch der Kapitalismus, egal, wie zäh er ist und wie sehr er auch in den Köpfen der Menschen als etwas Unabänderliches erscheint, er wird verschwinden, früher oder später.

Sein zuletzt veröffentlichtes Buch trug den Titel: „Wie man die Welt verändert. Über Marx und den Marxismus“.

Es ist bezeichnend für diesen großen Denker, dass selbst neo-konservative, wie Niall Ferguson, ihn als einen der einflussreichsten und gescheitesten Historiker unserer Zeit bezeichnen.

Die Welt trauert um einen großen Historiker, einen der immer wieder für kleine Erleuchtungen gesorgt hat.